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Konsequenter Klimaschutz

Im Interview spricht Thomas Schwilling, Referent der Berliner Umweltverwaltung, über Kreislaufwirtschaft am Bau, innovativen Beton und die Zero-Waste-Strategie der Hauptstadt.

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  • Kreislaufwirtschaft
  • Bauen
  • Die Stadt Berlin setzt auf die Wiederverwendung von Ressourcen im Bauwesen. Thomas Schwilling, Referent der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz des Fachbereiches Kreislaufwirtschaft und umweltverträgliche Beschaffung, erklärt im Interview, wie „Urban Mining“ funktioniert und welche Bedeutung dabei Baustoffproduzenten zukommt.

    Kurz vor seinem Tod sprach „bauwerk“ mit Thomas Schwilling, Referent der Berliner Umweltverwaltung, über Kreislaufwirtschaft am Bau, über innovativen Beton und die Zero-Waste-Strategie der Hauptstadt. Berlin verliert mit ihm einen engagierten Vorkämpfer fürs Recycling am Bau und CEMEX einen wichtigen Partner. Unsere Gedanken sind bei seinen Angehörigen und Freunden.

    Herr Schwilling, wie möchte der Berliner Senat das ressourcen- und klimaschonende Bauen voranbringen?

    Thomas Schwilling: Angesichts der Klimanotlage steht die Bauwirtschaft auch in Berlin vor einem gravierenden Wandel: Schwindende Rohstoffe, knapper werdende Deponieräume sowie ambitionierte Klimaschutzziele machen es unerlässlich, den hohen Ressourceneinsatz im Bauwesen zu überdenken. Rund 60 Prozent der in Deutschland und auch in Berlin verwendeten Ressourcen werden in der Bauwirtschaft verarbeitet. Dem stehen Millionen Tonnen von abgelagertem Bauschutt und Baustellenabfällen gegenüber. Wertvolle Ressourcen gehen so unwiederbringlich verloren. Wir müssen nun konsequent handeln und die Klimaschutz- und Ressourcenschutzwende aktiv – insbesondere auch im Bausektor – angehen.

    Thomas Schwilling sprach sich dafür aus, die Bauwirtschaft auf eine zirkuläre Wertschöpfung umzustellen, von der Planung über die Erstellung und den Betrieb bis zum Rückbau; auch eine umfassende lebenszyklusbegleitende Dokumentation ist erforderlich. Andernfalls sind Klimaschutz, Kostenverträglichkeit und Ressourcenschutz nicht miteinander zu vereinen. Hier will das Land Berlin konsequent mit gutem Beispiel vorangehen. Deshalb haben wir einen Maßnahmenkatalog zum zirkulären Bauen erstellt.

    Wie wird das in öffentlichen Ausschreibungen berücksichtigt und welche Anreize gibt es für private Investoren?

    Thomas Schwilling: Die am 1. Dezember 2021 in Kraft getretene neue Verwaltungsvorschrift Beschaffung und Umwelt – VwVBU wird auch zu einer grundlegenden Transformation im öffentlichen Bausektor führen. Diese Verordnung schreibt unter anderem beim Rückbau öffentlicher Gebäude die Wiederverwendung und das Recycling von Baustoffen verpflichtend vor. Zudem enthält sie Vorgaben für den Einsatz von Baustoffen mit definierten Umweltkriterien wie der nachwachsende Baustoff Holz oder Betone, die zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs beitragen sollen.

    Die neue Landesregierung legt einen Schwerpunkt auf Investitionen in Klima- und Ressourcenschutz und will das Bauen in Berlin konsequent auf Nachhaltigkeit ausrichten. Damit soll Berlin auch Teil des „Green Deals“ der Europäischen Union werden. Berlin ruft daher auch die Privatwirtschaft auf, diesen Beispielen aktiv zu folgen. Nach meinen Beobachtungen beachten zunehmend auch private Investoren diese Vorgaben.

     

    Urban Mining in Aktion. Foto: © Michael Dechev/Shutterstock

    Welches Potenzial sehen Sie in der stofflichen Verwertung (Recycling) von Baumaterialien im Hoch-, aber auch im Straßenbau bzw. der Verkehrsinfrastruktur?

    <p><strong>Thomas Schwilling:</strong> Mit rund 45 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten im Jahr 2020 tragen die heute im Hochbauwesen verwendeten Baustoffe deutlich zu den schädlichen Treibhausgasemissionen in Deutschland bei. Durch zirkuläres Bauen im Hoch- und Tiefbau können große Klimagasentlastungen und Ressourceneinsparungen erzielt werden. So muss bei der Kreislauffähigkeit grundsätzlich auf die Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit von eingesetzten Bauteilen (u. a. kein Einsatz gipshaltiger Putze und Anhydrit-Estriche auf Beton) geachtet werden. Die eingesetzten Materialien müssen schadstofffrei sowie wiederverwertbar sein bzw. recycelt werden können. Zudem sollten die verbauten Materialien sortenrein trennbar sein, sodass sie fast zu 100 % wiederverwendbar oder recycelbar sein können. Mechanische Verbindungen wie das Verschrauben, Einhängen, Dübeln etc. sind daher verklebten Verbindungen vorzuziehen.</p>
     

    Welche Herausforderungen gibt es dabei momentan noch zu lösen?

    Thomas Schwilling: Zurzeit wird der Großteil der Bauwerke noch mit Primärmaterialien geplant und gebaut. Die Gebäude von heute sind aber die Materialdepots von morgen – bereits heute sollten Gebäude mit möglichst vielen Sekundärrohstoffen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip geplant und gebaut werden, um Ressourcen zu sparen. Aus diesem Grund ist es unumgänglich, künftig auf wiederverwendete und recycelte Materialien im Bausektor zurückzugreifen und so wenig wie möglich weitere Ressourcen und Primärrohstoffe zu verbrauchen. Auch vor dem Hintergrund, dass die Primärmaterialien endlich und damit teuer sind, muss in der Zukunft eine Umkehr zur Verwendung von Sekundärmaterialien stattfinden. Neben der Wiederverwendung kommt dem Einsatz von nachhaltigen Bautstoffen wie Holz und gütegesicherten Sekundärbaustoffen wie Beton insbesondere bei öffentlichen Bauvorhaben eine wichtige Vorbildfunktion zu. So sollen öffentliche Einrichtungen zum Motor für Innovationen werden, indem sie langlebige, energieeffiziente und nachhaltige Produkte bevorzugt nutzen.

    Durch zirkuläres Bauen im Hoch- und Tiefbau lassen sich Ressourcen einsparen. Foto: © Coastal Girl/Shutterstock
    Durch zirkuläres Bauen im Hoch- und Tiefbau lassen sich Ressourcen einsparen. Foto: © Coastal Girl/Shutterstock
    Beton aus Abrissbauten lässt sich in den Wertstoffkreislauf zurückführen. Foto: © CEMEX Transportbetonwerk Hohenschönhausen
    Beton aus Abrissbauten lässt sich in den Wertstoffkreislauf zurückführen. Foto: © CEMEX Transportbetonwerk Hohenschönhausen

    Welche Baustoffe eigenen sich besonders gut für das Recycling?

    Thomas Schwilling: Ressourcenschonender Beton ist ein solcher Baustoff, für den der Einsatz von Rohstoffen aus dem Materialkreislauf (rezyklierte-Gesteinskörnung, kurz: RC-Gesteinskörnung) nicht nur normativ geregelt, sondern auch bereits marktreif erprobt ist und auch erfolgreich in Berlin eingesetzt wird. Über zahlreiche Pilotprojekte konnten wichtige Marktimpulse gesetzt werden, die mittlerweile bei Transportbetonwerken in Berlin zu einer Aufnahme von diesem ressourcenschonenden Beton ins Standardportfolio führte.

    Lässt sich damit tatsächlich auch Geld sparen oder ist die Aufbereitung teurer als die Neuproduktion?

    Thomas Schwilling: Untersuchungen zeigen, dass bei der Berücksichtigung aller Kosten unter Anwendung einer Lebenszyklusbetrachtung eine nachhaltigere Bauweise nicht teurer ist. Angesichts der Klimanotlage plant das Land Berlin weitergehende Maßnahmen zum klimaschonenden und ressourcenschonenden Bauen. So sollen zukünftig bei einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von öffentlichen Hochbaumaßnahmen schädliche Klimagasemissionen von Baustoffen monetär bewertet werden, um Anreize für den Einsatz nachhaltiger Baustoffe zu schaffen.

    Wie sehen Sie die Rolle von Baustoffproduzenten wie CEMEX im Bereich des zirkulären Bauens?

    Thomas Schwilling: Das Unternehmen CEMEX unterstützt die Zero-Waste-Strategie des Landes Berlin und somit auch das zirkuläre Bauen. Daher würde ich es sehr begrüßen, wenn CEMEX den ressourcenschonenden Betoneinsatz unter Verwendung der Gesteinskörnung Typ 2 bei einem Berliner Bauvorhaben aktiv unterstützen und sich auch darum bemühen würde, wie durch den Einsatz von regenerativer Berliner Biomasse die Klimawirksamkeit der Zementherstellung deutlich verbessert werden kann.

    Grundsätzlich kommt Baustoffproduzenten im Rahmen ihrer Produktverantwortung eine wichtige Rolle beim Aufbau einer zirkulären Bauwirtschaft zu. Nach unseren Planungen sollen ab 2024 nur noch wiederverwendbare und recyclingfähige Dämmstoffe bei öffentlichen Baumaßnahmen in Berlin eingesetzt werden. Die Rückführung von Altmaterial in die Produktion von Dämmstoffen oder anderen Produkten soll gemeinsam mit der Entsorgungswirtschaft erfolgen. Im Dialog mit den Verbänden soll hier nun in den nächsten Jahren eine Umsetzungskonzeption für Berlin entwickelt werden.

    Zirkuläres Bauen

    Zirkuläres Bauen entlastet das Klima und schont die natürlichen Ressourcen. Gebaut werden soll deshalb künftig mit nachhaltigen Materialien, die wiederverwendbar und recycelbar sind. Dabei soll die Wiederverwendung von Bauteilen bereits in der Planung mitgedacht werden.

    Gibt es bereits Bauprojekte, die als Vorbild für zirkuläres, ressourcenschonendes Bauen dienen können?

    Thomas Schwilling: In der vom Berliner Senat beschlossenen Verwaltungsvorschrift Beschaffung und Umwelt (VwVBU) wurden ambitionierte Umweltschutzanforderungen für den öffentlichen Hochbau festgeschrieben. So ist beim Neubau von öffentlichen Gebäuden zur Gewährleistung eines umfassenden Recyclings ein Recyclingkonzept zu entwickeln. In diesem Konzept wird dokumentiert, wie bei einem zukünftigen Rückbau des Gebäudes zu verfahren ist. Die Bauteilaufbauten sind in Schnittzeichnungen darzustellen, aus denen die Schichtenfolge und die eingebauten Materialien eindeutig hervorgehen. Es ist festzuhalten, ob und wie eine sortenreine Trennung beim Rückbau möglich ist. Für alle Bestandteile ist nach heutigem Stand der Technik ein Vorschlag zur Verwertung zu benennen. Mit dem Wohnungsunternehmen „Stadt und Land“ haben wir im Januar 2022 ein größeres Bauvorhaben dazu gestartet.

    CEMEX beteiligt sich an Pilotprojekten, die die Zero-Waste-Strategie des Berliner Senats unterstützen. Foto: © Armin Okulla

    CEMEX lieferte für mehrere große Bauprojekte in Berlin Beton mit rezyklierter Gesteinskörnung. Bereits 2014 entstand das Rhoda-Erdmann-Haus auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität zu Berlin. 3.800 Kubikmeter R-Beton kamen für die anspruchsvolle Konstruktion zum Einsatz. Die gesamten Betonierarbeiten wurden intensiv von der TU Cottbus und dem Senat Berlin begleitet, da es sich um den ersten Einsatz von R-Beton im Hochbau handelte. Ein weiteres Projekt der CEMEX in Berlin war das Berlin Institute for Medical Systems Biology des Max-Delbrück-Centrums. Bei diesem Bauwerk kamen 2016 insgesamt 2.500 Kubikmeter Konstruktionsbeton unter Verwendung rezyklierter Gesteinskörnungen zum Einsatz.

    3.800 Kubikmeter R-Beton von CEMEX kamen beim Bau des Rhoda-Erdmann-Hauses auf dem Campus Nord der Berliner Humboldt-Universität zum Einsatz. Foto: © Armin Okulla
    Zum ersten Mal kam R-Beton im Hochbau zum Einsatz. Foto: © Armin Okulla
    Zum ersten Mal kam R-Beton im Hochbau zum Einsatz. Foto: © Armin Okulla
    Ein Team der TU Cottbus begleitete die Bauarbeiten wissenschaftlich. Foto: © Armin Okulla
    Ein Team der TU Cottbus begleitete die Bauarbeiten wissenschaftlich. Foto: © Armin Okulla

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